Was mich bewegt: Kein Füreinander – kein Miteinander und doch sitzen wir im selben Boot

Am 24.12.2020, nachmittags, erreichte mich der Anruf meiner Mutter. Sie erzählte mir, dass das Seniorenheim, indem sie lebt, nun in Quarantäne ist, da Coronafälle festgestellt wurden.

Es war vor Weihnachten schon klar, dass ich meine Mutter dieses mal an Weihnachten nicht abholen kann, da die gesetzlichen Bestimmungen es nicht mehr zugelassen hatten. Doch dieser Anruf mit seiner Information war erst einmal das Tüpfelchen auf dem „I“ für meine innerliche Gemütslage.

Das Telefon unser einziges Kommunikationsmedium für sieben Wochen

Ich bin froh und dankbar, dass meine Mutter mit ihren 89 Jahren klar im Kopf ist und ich mit ihr telefonieren kann.

Mein Herz mache ich weit auf, um die Gefühlslage meiner Mutter mitzubekommen. Meine Ohren sind so groß wie ein Elefant, um die kleinen, feinen Zwischentöne, gut zu hören.

Sätze die gesprochen werden und die plötzlich im Raum stehen. Sätze in denen ich innerlich wach, präsent bin und die mich wissen lassen, um was es wirklich im tiefsten Inneren geht.

Irgendwann machte meine Mutter folgende Aussage über das jetzige Zusammenleben im Heim:

„Es ist kein Füreinander und kein Miteinander“.

Da stand der Satz nun im Raum. Was bedeutet er und was ist sein Gegenteil?

Ein Satz der einfach alles ausdrückt. Ein Satz der innerlich drückt. Ein Satz der die ganze Situation widerspiegelt. Ein Satz, der die Einsamkeit ausdrückt. Ein Satz, der die Wucht des Momentes ausdrückt. Ein Satz zwischen Zweifeln, innerer Einkehr und doch Hoffnung. Ein Satz der viel Lebensweisheit ausdrückt. Ein Satz der die Realitäten in ein anderes Licht rücken lässt.

Ein Satz der genau das Gegenteil ausdrückt von dem, was wir eigentlich tun  oder miteinander erleben sollten?

Ein Satz, den meine Mutter schon anders erlebt hat? Ein Satz der bisher lautete:

„Es gibt ein Füreinander und ein Miteinander“

Ein Satz aus anderen Zeiten oder doch aktuell?

Sie, die den Krieg erlebt hatte. Einsamkeit kannte. Verantwortlich dafür war, dass das Essen für die Familie auf dem Tisch stand. Für Ihre Mutter, ihre kleine Schwester und sich selbst. Der eigene Vater weit weg, in englischer Gefangenschaft. Aufgewachsen auf einem Schleusenhaus, wo kilometerweit kein Nachbar war.

Es waren keine leichten Zeiten, doch Sie waren in einem Bezug anders:

Es gab ein Füreinander und ein Miteinander. Jeder hat angepackt und zugesehen, dass er dem anderen hilft und unterstützen kann.

Und was ist jetzt?

Isolation in vielen Bereichen und innerliche Einsamkeit?

Seit diesem Telefonat, ging mir dieser Satz nicht mehr aus meinem Kopf. Er schwingt in mir und lehrt mich genau hinzusehen. 

Spontan erweiterte ich die Aussage:

„Es ist kein Füreinander, kein Miteinander und doch sitzen wir alle in einem Boot“.

Gerade weil wir alle in einem Boot sitzen, gibt es doch wieder ein Miteinander und ein Füreinander. Keiner kann alleine das Boot steuern, wir sind darauf angewiesen, gut auf die Bootsmitglieder zu achten. Keiner darf über Bord. Jeder ist wichtig.

Was dieser Gedanke mit mir macht

Ich frage mich täglich, was ich in dieser Pandemiezeit beitragen kann, dass es anderen Menschen besser geht. Ich frage mich täglich, was ich brauche, um in meiner inneren Mitte zu bleiben.

Es sind oft Kleinigkeiten, die nichts kosten:

  • Ein Lächeln vom ganzen Herzen
  • Nachfragen, wie es dem anderen wirklich geht – Zuhören – Lauschen – Zwischentöne hören
  • Das Herz weit machen und den anderen fühlen – das geht auch ohne körperlichen Kontakt.

Haben wir nicht alle Sinneskanäle und feine Antennen, die wir nur zum Teil nutzen? Sind wir nicht gerade jetzt gefordert, diese feine Antennen zu schulen und zu nutzen? Geht es nicht viel mehr um die tiefe, innere Liebe zu uns selbst und zu der Liebe zu den anderen Mitmenschen?

„Sich selbst annehmen, das heißt: mich selbst nicht zu bewerten, sondern auf mich mit einem freundlichen  Auge zu schauen. Ich bin dankbar für mich, so wie ich bin.“ – Anselm Grün

Was ich mir für dich und mich wünsche

Eine ganz eigene Situation, in der wir uns befinden und lernen dürfen, unser Herz wirklich aus der Tiefe sprechen zu lassen.

Ich möchte diesen Gedanken mit folgendem Wunsche schließen:

Möge es dir täglich gelingen, achtsam mit dir zu sein.

Möge es dir täglich gelingen, achtsam mit deinen Mitmenschen zu sein.

Möge es dir täglich gelingen, dein inneres Licht in dir leuchten zu lassen.

Möge es dir täglich gelingen, dass Licht in deinen Mitmenschen zu sehen.

Möge es dir täglich gelingen, mit Liebe auf dich zu schauen.

Möge es dir täglich gelingen, mit Liebe auf deine Mitmenschen zu schauen.

Möge es dir täglich gelingen, deinen inneren Schmerz anzunehmen.

Möge es dir täglich gelingen, den inneren Schmerz deiner Mitmenschen zu sehen.

Möge es dir täglich gelingen, für dich und bei dir zu sein. 

Möge es dir täglich gelingen, für deine Mitmenschen zu sein und bei Ihnen zu sein.

Auf ein tägliches Neues: Füreinander und Miteinander. Möge es dir gelingen. – Möge es uns gemeinsam gelingen.

 

 

 

 

 

 

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