Wann ist das Leben rund oder komplett?

Ich wusste es heute Morgen schon im Bett, als ich meine Augen aufschlug. Die Antwort auf meine Frage war in meinem Kopf. Ungefähr 20 Minuten später saß ich am Frühstückstisch und blätterte die Zeitung durch. In der Rubrik der Todesanzeigen war eine Anzeige, die ich lieber nicht gelesen hätte. Nun hatte ich es schwarz auf weiß. Meine erste Klientin war gestorben und relativ schlagartig aus dem Leben gerissen worden. Ich war betroffen und irgendwie doch nicht. An diesem Tag und in der darauffolgenden Woche hatte ich viele Gedanken in meinem Kopf.

Der Beginn einer einzigartigen Begegnung

Im Jahr 2007, hatte ich begonnen, an verschiedenen Volkshochschulen Einführungskurse für die Klopfakupressur zu geben. An einem solchen Tag lernten wir uns kennen.
 
Im Juli 2009 rief sie mich an und bat um eine Einzelstunde. Sybille kam zu mir, da sie durch die Einnahme von einem Neuroleptika immer wieder am
Kieferschieben litt. Dies ist eine Nebenwirkung, die bei diesem Arzneistoff auftreten kann. Wir vertieften in der ersten Sitzung die Technik der Klopfakupressur und begannen an dieser Auswirkung zu arbeiten. Nach einigen Sitzungen gelang es uns, dass es leichter und leichter wurde und das Kieferschieben ganz aufhörte.
 
Da Sybille wegen Depressionen Jahre vorher in einer Klinik war, wollte sie gerne mit mir weiter arbeiten. Sie war nach wie vor in ärztlicher Behandlung und nahm zusätzlich Sitzungen bei mir. Ich durfte sie in vielen alltäglichen Situationen unterstützen und dabei miterleben, wie ihr Leben leichter und freier wurde.
 
Ende 2013 / Anfang 2014 wurden bei ihr Wirbelbrüche festgestellt. Sie hatte Osteoporose. Es begann ein mehrmonatiger Krankenhausaufenthalt. Sybille bat mich, dass ich sie weiterbegleitete und sie unterstütze. Die Form der Unterstützung erfolgte über das Telefon oder spät abends zu einer festgelegten Uhrzeit. Bis sie wieder nach Hause kam, vergingen Monate. Monate, in denen sie durch viele Ängste und Schmerzen ging.
 
Im Frühsommer 2014 durfte sie wieder nach Hause. Sie musste nun ein Korsett tragen, damit ihre Wirbelsäule gestützt blieb. Sybille war glücklich, wieder zu Hause zu sein und war gleichzeitig tief beseelt. Trotz dieser körperlichen Einschränkung war sie zutiefst dankbar und sagte zu mir: „Ohne diese Krankheit wäre ich niemals an meinen tiefsten Schmerz in meiner Seele herangekommen und hätte meine Themen nie bearbeiten können.
 
 
 

Der weitere Weg

In den folgenden Jahren kamen wieder erneute Krankenhausaufenthalte mit weiteren Diagnosen dazu. Neben der ärztlichen Betreuung war ich mit ihr in Kontakt und unterstütze sie. Jedes Mal erlebte ich, wie sie durch ihr tiefes Tal ging, um wieder innerlich und seelisch gestärkt bei sich anzukommen.
 
Im Februar 2020 war sie wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Es gab hier einen Moment, der sehr kritisch war und sie auf der Intensivstation lag. Ich war zu diesem Zeitpunkt langlaufen und schreckte nachts aus dem Schlaf hoch, da ich sie wahrgenommen hatte. Mir war in diesem Moment klar, dass es ihr nicht gut ging. Doch auch dieses Tal durchschritt sie wieder und kam im Frühjahr mitten im ersten Lockdown wieder nach Hause. Ein Sauerstoffgerät war nun ihr täglicher Begleiter.
 
Seitdem diesen Zeitpunkt habe ich sie nicht mehr persönlich gesehen. Wir haben uns nur noch online gesehen oder telefoniert.
 
Im März 2021 musste sie schlagartig wieder ins Krankenhaus und Tage später bekam ich von ihr die Nachricht, dass sie auf der Intensivstation läge. Das war die letzte Nachricht von ihr, wo ich ihre Stimme hörte. Dann war Funkstille, bis ich die Anzeige las.
 

 

Funkstille – Wirklich Funkstille?

Eine Woche bevor ich die Anzeige las, war ich gerade auf dem Heimweg aus dem Wald. Plötzlich zog es meinen Blick nach oben auf die Bäume und Sybille war in meinen Gedanken da. Entgeistert fragte ich sie in Gedanken: „Was machst du denn? Du kannst dich jetzt nicht vom Acker machen!“
 
Kaum hatte ich das gedacht, schimpfte ich mit mir selber. Ich möge ihr doch bitte kraftvolle und stärkende Gedanken senden, so ähnlich sprach ich mit mir. Gleichzeitig fühlte ich allerdings, dass das nichts nutzen würde und ich meine Gedanken nur wegdrücken wollte. Ich hatte schon einige Situationen in meinem Leben erlebt, die ähnlicher Natur waren und in denen ich auf einer anderen Ebene erfahren durfte, dass sich jemand verabschiedete. Ich atmete tief ein, trat aus dem Wald und ließ meine erschrockenen Gedanken ziehen.
 

Meine Gedanken sammeln sich und gehen zurück in die Vergangenheit

Einige Tage vorher war sie auf die Intensivstation gekommen und hier hatte sie mir noch eine Sprachnachricht gesendet. Ich schrieb ihr, dass ich mit stärkenden Gedanken bei ihr bin.
 
Wir hatten schon viele solche gemeinsame Momente in den letzten Jahren erlebt und doch fühlte es sich für mich anders an. Ich merkte, dass ich nichts tun oder für sie machen konnte. In der Vergangenheit hatte ich sie oft energetisch unterstützen können. Die Voraussetzung hierfür ist, die Erlaubnis des anderen zu haben, niemals ohne die Einwilligung der anderen Person zu handeln. Ich konnte sie nicht fragen, da ich sie nicht sprechen konnte. Zwei Tage vorher war sie noch im normalen Krankenzimmer und ich telefonierte mit ihr, aber auch hier kam mir die Frage nicht über die Lippen, obwohl sie in meinem Kopf war. – Es ging einfach nicht.
 
An dem Tag, an dem sie auf der Intensivstation kam, lag ich nachts im Bett und dachte an sie. Ich sendete ihr ein Gebet und bat darum, dass sie beschützt und behütet sein möge. Es möge das passieren, was für sie und ihre Seele richtig ist. Ich erhielt ein Bild von ihr und war in diesem Moment mit ihr verbunden. Es war ein Bild, dass sie selbst 10 Jahre vorher in einem Coaching erhalten hatte. Für sie, ihre Seele und ihre innere Führung hatte es eine wichtige Bedeutung.
 
Ich hielt das Bild vor meinem geistigen Auge aufrecht, bis ich zu müde war und einschlief.
Tief im Inneren wusste ich, dass sie behütet war. Ich schickte ihr dieses Bild am nächsten Tag per Handy, was sie noch gesehen hatte. Die anderen Nachrichten kamen nicht mehr an, da sie wahrscheinlich schon ein Stück weit auf einer anderen Ebene unterwegs war.
 
Woraus schließe ich, dass dieses Bild ankam?
 
Wir beide hatten durch die vielen Krankenhausaufenthalte ein großes Vertrauen zueinander gehabt. Es gab viele Situationen, wo ich Bilder vor meinem geistigen Auge hatte, wenn ich für sie arbeiten durfte und sie hat es genauso erlebt und am nächsten Tag in Worten ausgedrückt. Ich blieb im Vertrauen und stellte dieses Bild bei mir auf, um ihr immer wieder gute Gedanken zu senden, da ich wusste, was es für sie bedeutete.
 
Eine Woche vor dem Krankenhausaufenthalt
 
Sie schrieb mir voller Begeisterung, dass sie endlich nach 12 Jahren wieder mit dem Malen begonnen hat, sie überglücklich ist und es wieder fließt. Sie schickte mir die Bilder mit dem Handy rüber und ich war begeistert von den schönen, farbenfrohen und ausdrucksstarken Bildern. Tage später schrieb sie mir, dass die Titel zu den Bildern kamen und sie so froh ist, endlich den Einstieg zum Malen wiedergefunden hatte. Ihre Worte dazu: „Ich fühle mich mehr ganz.“ Ihr Glück war so zu spüren und ich freute mich sehr mit ihr.
 
Hatte sie intuitiv gefühlt, dass ihr Leben ganz rund oder komplett wird?
 
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wie sehr sie gerungen hat und immer wieder vom Malen sprach und sie damit wieder anfangen möchte. Im Nachgang hat diese Aussage „Ich fühle mich mehr ganz“ eine ganz andere, tiefere Bedeutung.
 
Es gibt Berichte von Menschen, die Wochen oder Monate vor ihrem Tod eine einzige Aussage gemacht haben, die im ersten Moment nicht auffällt, aber oft im Nachhinein bei den Angehörigen eine andere Bedeutung erhält. So geht es mir jetzt mit diesem Satz von ihr.
 

Was nehme ich aus diesem gemeinsamen Weg mit ?

Es war ein langer und ungewöhnlicher Weg, den wir mit einander bestritten haben. Mir ist bewusst, dass Coaching normalerweise immer nur über eine bestimmte Zeit geht und dann abgeschlossen ist. Dies war zeitenweise auch der Fall. Es gab Monate, in denen kein Coaching nötig war. Doch ein kurzer wöchentlicher Austausch per Handy blieb.
 
Ich bin zutiefst dankbar, dass ich ihr begegnen durfte. Immer wenn sie durch ein „schwieriges Tal“ ging, bekam sie Antworten auf der Seelenebene bzw. der geistigen Ebene. Es hatte immer etwas Magisches, dies gleichzeitig miterleben zu dürfen. Diese Bilder und Antworten lassen sich leider nicht in Worte packen, doch zeigte es mir immer, dass es viel mehr als unsere normalen fünf Sinne gibt. Ob man jetzt daran glauben mag oder nicht, ist eine andere Sache.
 
Besonders ihre Aussage „Ohne diese Krankheit wäre ich niemals an meinen tiefsten Schmerz in meiner Seele herangekommen und hätte meine Themen bearbeiten können“, ist mir oft im Kopf. Ich habe miterleben dürfen, wie ein Mensch innerlich wächst, seinen Frieden finden kann, obwohl der Körper sich verändert hat.
 
Wie oft sind wir manchmal im Alltag von einer Person genervt, die wir nur einen kurzen Moment erleben. Wir wissen nie, warum eine Person so ist, wie sie ist oder warum sie so geworden ist. Wir können es immer nur ansatzweise erahnen. Ich bemühe mich in meinem Alltag diesen Gedanken bzw. diese Haltung zu leben. Es gelingt mir nicht immer und doch ist es wert, sich auf den Weg zu machen.
 
Ruhe, Freundlichkeit und Liebe strahlte sie aus, das ist mir jetzt klar, wo ich diese Zeilen schreibe.
 
Danke, liebe Sybille, dass du in meinem Leben warst. Ich hoffe und wünsche dir sehr, dass du gut auf der anderen Seite des Schleiers angekommen bist und in der unendlichen, liebenden und nährenden göttlichen Unendlichkeit lebst.
 

Ein Gedanke für dich

Ich habe dir hier verschiedene Punkte aufgeschrieben und versucht ein paar wichtige Lichtblitze zu zeigen. Wären wir beide bei einem Spaziergang unterwegs, so könnte ich dich mit  anderen Worten in die Tiefe hineinholen. In die Tiefe hinein, wann sich vielleicht ein Leben schließt, rund ist und komplett. Mit dem Schreiben kratze ich nur an der Oberfläche, kann dir nur ein paar Bruchstücke liefern und ein wenig hoffen, dass bei dir innere Berührung geschehen mag.
 
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Sonja Schnatzer ist meine Kollegin in der Content Society. Sie nennt ihr Set #kartenfürmich und  diese sind sehr liebevoll gestaltet. Mir war es wichtig, in diesem Artikel achtsame Bilder abzubilden und nicht nur reinen Text zu haben. Danke Sonja für deine Genehmigung. 🙂 
Wenn du gerne deine eigenen Karten gestalten möchtest, kannst du dich gerne an Sonja wenden, sie bietet hierfür eigene Workshops an.