Ein Jahr Corona: Meine zwei persönlichen Betrachtungswinkel

6. März 2020

„Tschüss, Mama, hab eine gute Woche. Ich komme nächstes Wochenende vorbei und helfe dir deinen Kleiderschrank zu sortieren. In vier Wochen ist bestimmt auch das Wetter besser und dann werde ich dein Gartenstück frühlingsfit machen. Dann kannst du alle deine Frühblüher besser sehen.“ Es folgte eine herzliche Umarmung. Unter dem Türrahmen habe ich fleißig gewunken, die Türe geschlossen und bin nach Hause gefahren.

13. März 2020

Wir waren gerade beim Wandern unterwegs, als mich der Anruf meiner Mutter erreichte. Ihre Worte waren: „Wir sind seit heute Nachmittag unter Sicherheitsquarantäne und es darf keiner aus dem Heim rein und keiner raus. Es ist für dieses Wochenende und soll zu unserem Schutz sein.“

Ich weiß noch, dass ich die Worte hörte und mich aber fragte, was das nun genau zu bedeuten hat und wie lange dieser Zustand dauert. Ich beruhigte meine Mutter, schließlich wollte ich ihr gegenüber zuversichtlich wirken und auch keine Panik oder Unruhe verbreiten. Richtig erfassen konnte ich es nicht.

März 2021

Jetzt ist ein Jahr vergangen, während ich diese Zeilen hier an meinem Notebook niederschreibe. Seitdem habe ich das Zimmer meiner Mutter nicht mehr betreten, geschweige denn einen Fuß über die Türschwelle des Heimes setzen können. Der Kleiderschrank meiner Mutter müsste immer noch aufgeräumt werden und das kleine Gartenstück bräuchte auch dringend eine liebevolle Hand. Es verwildert immer mehr.

In diesem Jahr habe ich noch viele weitere Schritte gemeinsam mit meiner Mutter durchlebt.

Die schrittweise Öffnung des Hauses ab Muttertag 2020, bis hin zur kompletten Quarantäne direkt an Weihnachten, wo gar nichts mehr möglich war. Auch jetzt gibt es noch täglich Änderungen und Veränderungen, die Flexibilität von allen Beteiligten fordert.

Mir ist bewusst, dass mein Blickwinkel nur einer von vielen andern Sichtweisen ist und auch du, der diese Zeilen liest in irgendeiner Weise durch das Coronathema betroffen ist und du genauso deine Geschichte erzählen kannst.

 

 

Mein persönlicher Corona-Moment und eine innere Stimme

Ich habe zu Beginn der Pandemie vieles beobachtet und ebenso meine eigene Verhaltensweise unter die Lupe genommen. Von Anfang an, war mir klar, dass es ganz wichtig ist, dass wir nicht in Angst und starrem Verhalten hängen bleiben, da es auf lange Sicht psychische Schäden hinterlassen kann.

Mein Körper sendete mir in den ersten Wochen der Coronazeit einige Stresszeichen. Es war ein ganz eigenes und seltsames Kribbeln in meinen Unterschenkeln. Ich nahm dieses Gefühl als Signal und wusste, dass es Zeit ist gut auf mich zu schauen, um nicht selbst aus dem Ruder zu laufen oder krank zu werden.

 

Es gab einen Moment, der mir das in aller Deutlichkeit klarmachte.

Ich erinnere mich daran, wie ich Ende März an der Tankstelle stand und gerade den Zapfhahn in meinen Händen hielt. Die Straßen waren kaum befahren und es war überall eine seltsame Ruhe und Stille zu vernehmen. Plötzlich beschlich mich ein Gedanke, der sich in meinem Gehirn selbständig machen wollte: „Was ist jetzt, wenn hier jemand vor dir getankt hat und Corona hatte? Du überträgst es vielleicht nachher auf dein Lenkrad und nimmst es nachher mit in die Wohnung.“ Ein ungewohntes und mulmiges Gefühl machte sich damals breit. Ich zahlte an der Kasse, saß wieder in meinem Auto und fuhr los.

Während ich fuhr und das mulmige Gefühl wahrnahm, machte sich eine andere Stimme in meinem Kopf lautstark bemerkbar, die mir klar und deutlich sagte: „Gehe raus aus dieser Geschichte! Steigere dich nicht in den Gedanken rein. Lass ihn los, sonst hast du am Ende der Coronazeit einen manifestierten Waschzwang! Du weißt doch, dass unser Gehirn Bilder nicht unterscheiden kann. Das Gehirn unterscheidet nicht, ob ein Bild nun wirklich real ist, du es dir ausdenkst oder du es in einem Film im Fernsehen gesehen hast!“ 

Pause war in meinem Kopf.

Auswirkungen von eingefrorenen Bildern

Ich fuhr noch immer und dachte über das eben Gehörte nach. Meine Gedanken schweiften in Erinnerungen ab.

Ich dachte an die Coachings, die ich bisher miterleben durfte. Hierbei konnte ich schon oft Beobachter sein und miterleben, wie sich alte festgefahrene Bilder auflösen, die eine Person 30 Jahre oder länger mit sich trug und darunter gelitten hatte.

Diese alten Bilder sind durch irgendeine Situation aus der Vergangenheit im Kopf und Körper eingefroren. Sie verursachen noch immer ungute Gefühle, wenn sie wieder ins Bewusstsein kommen. Unser Gehirn kann nicht unterscheiden, ob dieses Bild gerade jetzt entstanden ist oder schon lange, lange zurückliegt. Die Bilder können noch immer Kummer, Schmerzen, Leid, Sorgen auslösen, obwohl die äußere Situation längst eine andere geworden ist. Der Mensch hat nur damit gelernt um zugehen und die Bilder aus Selbstschutz in eine Ecke zu verbannen. Gelingt es dieses Bild aufzulösen bzw. den darunterliegenden Widerstand / Schmerz anzunehmen, dann kann die Person einen Schritt in ihre innere Freiheit gehen.

Während ich an die verschiedene Menschen dachte, sprach die Stimme wieder laut zu mir: „Denk an alle Menschen, bei denen du es miterleben durftest. Denk dran, wie Veränderung geschehen kann. Achte auf deine Gedanken, achte auf deine Bilder und wie es dir damit geht. Achte auf Ausgleich, du hast so viele Methoden an der Hand, nutze sie auch für dich!“  – Peng – Ende – Das hatte gesessen.

Danach war wieder Ruhe in meinem Kopf, es war still und ich war zu Hause angekommen.

Vier Möglichkeiten für ein besseres Gefühl

Corona empfinde ich als eine Art Dauerrauschen, das uns im Moment permanent begleitet. Vieles liegt nicht in unserer Hand. Jeder hat seine eigenen Herausforderungen. Trotz dieses Rauschens möchte ich dich ermuntern:

  • Mache bewusst Platz in deinem Kopf und befasse dich mit schönen Dingen. 
  • Was auch immer dir guttut, mache es einfach. Erinnere dich, was dir früher Freude bereitet hat und du wieder in deinem Leben aufnehmen kannst.
  • Ermutige dich und andere Menschen auf die wirklich wichtigen Werte zu achten, die tief aus dem Herzen kommen.
  • Entscheide dich bewusst auf die positiven Dinge zu sehen und nach ihnen Ausschau zu halten. Sie sind auch jetzt da.

Wenn ich diese Zeilen schreibe und du sie gerade liest, ist es auch gleichzeitig eine Erinnerung an mich, wenn ich feststecken sollte. In manchen Situationen muss ich ganz bewusst tief durchatmen, da ich mich am liebsten aufregen möchte und manchmal auch tue.

Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie Menschen jetzt in eine Depression abgleiten, unsere Gesellschaft so zerrissen ist und sich immer spaltet.

Ich für meinen Teil versuche meinen gesunden Menschenverstand zu behalten, erlaube mir in meinem Herzen zu fühlen, den anderen Menschen wahrzunehmen und aus meinem Herzen zu handeln, so gut es mir möglich ist. – Möge dies uns allen gelingen.

 

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