Wie dir deine Glaubenssätze bewusst werden

gezeichnet von Gisela Jung

Foto: gezeichnet von Gisela Jung

 

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir täglich ca. 70.000 bis 90.000 Gedanken in unserem Kopf haben. Was glaubst du, wie viele Gedanken davon neu oder wohlwollend sind? Meistens wiederholen sich unsere Gedanken in Endlosschleifen.

Bis zu unserem achten Lebensjahr sind wir mit vielen Meinungen, Konzepten und Ideen anderer Personen in Berührung gekommen. Wir haben vieles gelernt, erfahren und nehmen an, dass unsere Welt genau so funktioniert und nicht anders.

Unsere Gegenwart wird oft von Gedanken aus unserer Vergangenheit gesteuert, ohne dass wir es bemerken. Die Gedanken aus der Kindheit prägen heute – meist völlig unbewusst – unser Verhalten, unsere Ziele und unsere Entscheidungen.  Wenn wir unsere nicht förderlichen, übernommenen Prägungen unserer Eltern, Lehrer, Verwandten nicht verändern und transformieren, können diese ein ganzes Leben wirken. Wir bleiben sozusagen in einer Art mentalen Dauerschleife hängen.

Hast du dir schon einmal überlegt, welche Gedanken aus deiner Kindheit noch Einfluss auf dich haben?

Wenn nein, kann ich dich beruhigen. Da bist du nicht alleine. Meistens kommen wir darauf, wenn wir immer wieder ähnliche Situationen erfahren, die z. B. Trauer, Wut, Angst auslösen und wir nicht wissen, woher diese Gefühle stammen. Diese Gefühle haben oft mit der aktuellen Situation gar nichts zu tun. Wir wundern uns einfach, dass wir das wieder und wieder erleben. Das kann ein Anzeichen sein, dass wir einem Glaubenssatz auf der Spur sind.

Damit du eine Idee hast, lasse ich dich an einer kleinen Anekdote von mir teilhaben.

Ich bin als Kind am Ende einer Sackgasse aufgewachsen. Diese Straße hatte am Ende einen Wendehammer und ein unbebautes Grundstück, wo das Gras wild wachsen konnte. Dort konnte ich mit den Nachbarskindern nach Herzenslust ungestört toben. Direkt an dieser Wiese ging die Hauptverbindung durch unseren Ortsteil und nach 200 Meter kam eine viel befahrene Hauptstraße. Diese viel befahrene Hauptstraße hatte für mich als Kind eine Art „magische Ausstrahlung“. 

In meiner Vorstellungswelt ging an dieser Hauptstrasse die „große weite Welt“ los. Gut kann ich mich erinnern, dass ich dachte, dass es dort eine Art magisches Tor gibt und es einfach viel zu entdecken gibt. Letztlich gab es dort nur Autos zu sehen und davon eine ganze Menge.

Ich wollte sehr zum Leidwesen meiner Mutter immer wieder dort hinlaufen. Alleine versteht sich ja von selbst!

So bin ich immer wieder beim Spielen ausgebüxt und zu dieser Straße gelaufen. Sobald meine Mutter das bemerkte, ist sie hinter mir hergerannt und hat mich wieder eingefangen. Ich war als Kind dann natürlich enttäuscht, dass ich nicht dort hinkonnte. Dieses „gemeinsame Spiel“ haben wir einige Male unternommen, bis irgendwann mein Interesse daran verschwunden war.

Heute und mit Abstand betrachtet, hätte dieses mehrmalige Erleben einen Glaubenssatz bilden können, der lauten könnte: „Immer wenn ich etwas Neues und spannendes für mich kennenlernen möchte, werde ich von jemanden zurückgehalten.“

Dieses zurückgehalten werden könnte viele unterschiedliche Ausprägungen haben. Erkennbar wäre es z. B. in folgenden Situationen:

  • Du hast einen Vorgesetzten, der genau dieses Muster widerspiegelt
  • Du hast einen Partner, der dich an der kurzen Leine hält
  • Du verwirfst ständig selbst Projekte, die dir zu groß erscheinen

Dieses Beispiel von mir soll dir verdeutlichen, wie Glaubenssätze entstehen können und wir vielleicht 30 Jahre später immer noch darunter leiden. Glücklicherweise kann ich an dieser Stelle über meine Geschichte aus der Kindheit schmunzeln. Das Interesse am magischen Entdecken habe ich heute noch und es ist positiv bei mir besetzt.

Wie kannst du hinderliche Glaubenssätze aufspüren?

Grundsätzlich kannst du Glaubenssätzen auf die Spur kommen, wenn immer wieder gleiche Gefühle bei dir anklopfen und du nicht weißt, warum du damit so stark in Berührung kommst. Das kann eine plötzlich auftretende Trauer sein, eine Wut, die explosionsartig in dir hochschnellt, obwohl es keinen ersichtlichen Grund im außen gibt.

Wie könnten deine hinderlichen Glaubenssätze lauten?

Ich lade dich dazu ein, dir zu überlegen, was du oft als Kind gedacht oder gefühlt hast. Notiere dir diese Sätze. Damit du eine Idee bekommen kannst, gebe ich dir ein paar Beispiele, was Kinder häufig sagen oder denken:

  • Mich mag keiner, auch meine Eltern nicht
  • Keiner bemerkt mich
  • Meine Eltern mögen mein Bruder / meine Schwester viel lieber als mich
  • Wenn ich doch auch mal so krank wäre wie mein Bruder, dann würden sich meine Eltern auch um mich kümmern
  • Ich werde immer nur ausgelacht
  • Keiner spielt mit mir
  • Das schaffe ich nicht
  • Das lerne ich nie

Hast du für dich eine Idee bekommen?

Liste bitte deine Glaubenssätze auf. Was berührt dich heute noch emotional? Gehe nicht mit dem Kopf heran, erlaube dir deine Gefühle.

  1. Schaue dir deine Liste an und überlege dir, was trifft heute noch auf dich zu?
  2. Betrachte deine Glaubenssätze und stelle dir die Frage: „An welcher Überzeugung möchte ich heute noch festhalten, da sie für mich förderlich ist?“ „Welche der Überzeugungen hat ihre Gültigkeit verloren? Kann ich sie verabschieden?“

Ich lade dich ein, mit diesen Fragen durch deinen Alltag zu gehen.

Frage dich ganz ehrlich, ob diese Gedanken aus deiner Kindheit dein Leben weiterhin bestimmen sollen. Alleine durch das Erkennen und Bewusstwerden deiner hinderlichen Gedanken können sich schon Veränderungen ergeben. Du beginnst immer mehr, deine Gedanken bewusst wahrzunehmen. Dadurch lernst du dich Stück für Stück näher kennen und nimmst dein eigenes Inneres immer mehr wahr.

Auf lange Sicht wirst du immer mehr Abstand nehmen von „Wer oder was soll ich für die anderen sein?“ 

Du kannst nach einer gewissen Zeit bemerken, dass du für dich immer mehr deine innere Freiheit erfahren kannst. Sei achtsam und wertschätzend mit dir. Nicht alles kann gleich verändert werden. Manches braucht einen geschützten und liebevollen Rahmen, um betrachtet und losgelassen zu werden.

Ich wünsche dir sehr, dass die Frage „Wer will ich in meinem Leben sein“ für dich an Bedeutung gewinnt und du ein Gefühl für dich bekommst, wohin du als Mensch hinwachsen möchtest. 

Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken.