Der stille Beobachter in dir

Wer spricht eigentlich in deinem Kopf?

Kennst du das?

Du wachst morgens auf. Dein Tag hat noch gar nicht richtig begonnen. Du hast noch keinen Fuß aus dem Bett gesetzt. Dein Kopf ist noch müde, dein Körper liegt eingekuschelt im warmen Bett. Für einen kurzen Moment scheint alles still zu sein. Doch plötzlich sind sie da.

Gedanken.

Leise. Laut. Drängend. Fordernd.

Gerade warst du noch mit den letzten Bildern eines Traumes verbunden und nun scheint es, als hätte sich in deinem Kopf eine Tür geöffnet. Die Gedanken erzählen Geschichten. Von gestern, von morgen, von deiner Kindheit, von Ideen über deine vermeintliche Zukunft. Von all den Dingen, die vielleicht niemals eintreten werden. Deine Gedanken springen scheinbar mühelos durch alle Zeitlinien. Es ist, als hätte sich ein wilder Flohzirkus in deinem Kopf versammelt. Die Gedanken springen unkontrolliert durcheinander. Und dann geschieht etwas.

Ein einziger Gedanke baut sich vor dir auf, wird immer größer und entwickelt eine erstaunliche Macht. Innerhalb weniger Minuten kann er dich in eine Stimmung hineinziehen, aus der du nur schwer wieder herausfindest.

Kennst du solche Momente? Ich kenne sie gut.

Der stille Beobachter

Ich staune immer wieder über diesen Gedankensalat in meinem Kopf. Manchmal erscheint es mir wie eine eigenständige Person, die in meinem Kopf ihr ganz eigenes Leben führt. Von ihr scheint dieses ganze Durcheinander an Gedanken auszugehen. Und gleichzeitig gibt es noch etwas anderes.

Den stillen Beobachter. Den Teil in dir und in mir, der all diese Gedanken wahrnimmt und sich manchmal fragt:

„Was geschieht hier eigentlich gerade?“

Dieser stille Beobachter schaut den Gedanken einfach zu. Er misst ihnen keine besondere Bedeutung bei, sondern lässt sie wie Wolken am Himmel vorüberziehen.

Ich bin mir sicher, dass du diesen stillen Beobachter in dir bereits entdeckt hast. Vielleicht nur für einen kurzen Augenblick. In einem Moment der Stille. Während eines Spaziergangs. Oder einfach dann, wenn du bemerkt hast, dass du deine Gedanken beobachten kannst. Dann entsteht etwas anders: Raum, Platz und Weite dehnt sich in dir aus. Du erkennst, dass du nicht deine Gedanken bist. Unbewusst atmest du auf und fühlst dich in dir in Frieden.

Eine Frage begleitet mich

Trotz dieses stillen Beobachters begleitet mich eine Frage bis heute:

Warum tauchen manche Gedanken immer wieder auf? Warum erzählen sie uns Geschichten, obwohl wir längst wissen, dass sie uns nicht guttun? Warum können sie sich manchmal wie ein Monster vor uns aufbauen und besitzen doch vielleicht gar nicht mehr Substanz als heiße Luft?

Diese Fragen begleiten mich seit vielen Jahren und das trotz zahlreicher Ausbildungen, Seminare und Erfahrungen. Eine wirkliche Antwort hatte ich lange Zeit nicht.

Ein neuer Blick

Etwa 2018 kam ich durch eine liebe Freundin mit Ein Kurs in Wundern in Berührung.

Um ehrlich zu sein, konnte ich zunächst wenig damit anfangen. Ein dickes Buch. Dünnes Papier. Keine Bilder. Viel Text.

Trotzdem begann ich, einem Lehrer zuzuhören, der die Tageslektionen sprach. Mal hörte ich sie täglich. Dann wieder monatelang gar nicht. Vor einigen Wochen geschah etwas ganz Unspektakuläres. Und doch fühlte es sich an, als hätte jemand in mir einen Schalter umgelegt. Plötzlich betrachtete ich vieles in einem neuen Licht. Was war passiert?

Im Ein Kurs in Wundern wird vom sogenannten Ego-Denksystem gesprochen. Lange konnte ich mit dem sperrigen Begriff nichts anfangen.

Für mich beschreibt er den Teil in uns, der sich getrennt fühlt. Getrennt von der Einheit, vom Frieden Gottes und von unserem wahren Selbst. Nun verstehe ich auf einer viel tieferen Ebene, was sich da morgens in meinem Kopf selbständig macht. Ich kann meine Gedanken aus einer anderen Perspektive betrachten und erkenne schneller, wenn sie wieder anfangen loszurennen.

Guten Morgen liebes Ego

Seitdem ich tief in diesen Begriff vom Ego-Denksystem eingetaucht bin, muss ich manchmal schmunzeln. Wenn ich morgens aufwache und mein Gedankenkarussell schon losrennt, bevor ich überhaupt aufgestanden bin, begrüße ich diese Gedanken innerlich wie alte Bekannte.

„Ach, da seid ihr ja schon wieder. Wollt ihr schon wieder ein Eigenleben führen?“

Ist mein Leben dadurch leichter geworden? Ja und nein. Mein Verstand erzählt mir weiterhin bunte Geschichten. Der Unterschied ist nur:

Früher glaubte ich nahezu jedem Gedanken. Heute schaue ich ihnen erst einmal zu. Und genau darin liegt für mich ein großer Unterschied. Vielleicht beginnt innere Freiheit nicht erst dann, wenn unsere Gedanken verschwinden. Sondern in dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir nicht jeder Geschichte glauben müssen, die unser Verstand uns erzählt.

Und vielleicht ist genau das die leise Stimme, die uns immer wieder an unser wahres Wesen erinnert. Der stille Beobachter in uns.

 

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