Die Lücke, die keine Lücke ist

Ich stehe gerade auf einem Berg und schaue weit ins Land hinaus.

Von hier oben wirkt vieles anders. Die Dinge, die unten so groß und schwer erscheinen, bekommen plötzlich eine andere Perspektive. Vielleicht ist es genau diese Weite, die mich gerade über einen Gedanken nachdenken lässt, der mich schon eine ganze Weile begleitet.

In meinem Umfeld verlieren gerade viele liebe Freundinnen ihre Mutter oder haben sie bereits verloren. Sie sind in Trauer. Und ich spüre, wie sehr ein solcher Verlust das eigene Leben verändert.

Dieser Text ist für euch.

Für alle Frauen, die ihre Mutter verloren haben. Für Frauen, die sich von ihrer Ursprungsfamilie verabschieden. Für Frauen, die gerade in einer Zeit des Umbruchs sind und spüren, dass etwas Altes nicht mehr da ist, wie es einmal war.

Ich kenne diese Lücke selbst.

Auch meine Mutter ist nicht mehr da. Und vielleicht schaue ich deshalb gerade so aufmerksam auf das, was nach einem solchen Verlust in uns geschieht.

Wenn plötzlich jemand fehlt

Wenn ein Mensch stirbt, ist da zunächst dieser Verlust.

Ein Mensch, der gestern noch Teil des eigenen Lebens war, ist plötzlich nicht mehr da. Man kann nicht mehr anrufen, nichts mehr erzählen, nicht mehr gemeinsam lachen. Und selbst wenn die Trauer irgendwann leiser wird, bleibt da etwas zurück.

Eine Lücke.

Manchmal stehen wir davor und schauen hinein.

Und doch ist es keine Lücke.

Denn dieser Mensch ist nicht einfach verschwunden. Die gemeinsame Zeit ist nicht verschwunden. Die Liebe ist nicht verschwunden. Die Erinnerungen sind nicht verschwunden. All das, was uns miteinander verbunden hat, hat Spuren in uns hinterlassen.

Vielleicht ist genau das eine der großen Widersprüchlichkeiten von Abschied und Trauer:

„Ich erlebe eine Lücke in mir und habe meinen inneren Kompass verloren und gleichzeitig ist noch so viel mehr in mir, als ich wahrnehmen und fassen kann.“

Alles darf da sein

Ich glaube, dass alle unsere Gefühle, Gedanken, Emotionen nebeneinander bestehen dürfen.

  • Die Trauer und der Frieden.
  • Das Vermissen und die Verbundenheit.
  • Die Liebe, die da war, und der Schmerz darüber, dass sie in dieser Form nicht mehr gelebt werden kann.
  • Man kann einen Menschen sehr vermissen und gleichzeitig einen tiefen Frieden in sich spüren.
  • Man kann sich mit seiner Familie verbunden fühlen und gleichzeitig merken, dass man sich von vielem verabschieden muss.
  • Man kann traurig sein und trotzdem lachen.
  • Man kann weinen und sich im nächsten Moment leicht fühlen.

Nichts davon muss gegeneinander aufgerechnet werden. Es muss nichts davon weg.

Vielleicht liegt gerade darin etwas Tröstliches: dass wir nicht entscheiden müssen, welches Gefühl nun das richtige ist.

  • Wenn die Trauer da ist, darf sie da sein.
  • Wenn plötzlich Frieden da ist, darf auch der Frieden da sein.

Wenn die Lücke zu einem Freiraum wird

Vielleicht verändert sich die Lücke irgendwann. Nicht, weil sie verschwindet. Sondern weil wir beginnen, anders auf sie zu schauen.

Am Anfang starren wir vielleicht hinein und sehen vor allem das, was fehlt. Den Menschen, der nicht mehr da ist. Das Vertraute, das nicht mehr zurückkommt. Das Alte, das nicht mehr so weitergeht.

„Irgendwann entsteht vielleicht aus der Lücke ein Raum für dich. Ein Raum der Weite, in dem du wieder mehr bei dir ankommen kannst.“

Denn wenn etwas Altes wegfällt, entsteht auch Raum für etwas, das vorher keinen Platz hatte.

Ein Raum, in dem wir uns selbst neu begegnen können.

Vielleicht müssen wir diesen Raum gar nicht sofort füllen. Vielleicht darf er zunächst einfach da sein.

Mit all dem, was in uns lebt.

Mit der Trauer. Mit der Liebe. Mit der Erinnerung. Mit der Sehnsucht. Mit dem Frieden. Mit dem, was wir noch nicht verstehen.

Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.

Nicht als Ersatz für das, was verloren gegangen ist.

Sondern als ein tieferes Ankommen bei uns selbst.

Ich glaube, dass wir uns in solchen Zeiten auf eine besondere Weise begegnen können. Wenn das Außen sich verändert und vieles nicht mehr so ist, wie es einmal war, werden wir nach innen geführt.

Nicht unbedingt, weil wir das wollen.

Sondern weil wir irgendwann aufhören, im Außen nach dem zu suchen, was nicht mehr dort zu finden ist.

Und dann wird die Weite spürbar. So wie hier oben auf diesem Berg. Ich schaue weit ins Land hinaus und denke:

Vielleicht ist die Lücke nicht nur ein Ort des Fehlens. Sie ist wie ein Raum, in dem etwas in uns weiter werden darf. Wir müssen gar nicht wissen, wohin dieser Weg uns führt. Es reicht, für einen Moment da zu sein. Mit allem, was ist.

Tunnel im Wald
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2 Kommentare zu „Die Lücke, die keine Lücke ist“

  1. Weinfurter Gerhard

    Liebe Gisela Jung,
    es sind sehr einfühlsame Worte. Eigentlich von Frau für Frauen, jedoch kann ich auch als männliches Wesen total mitgehen. Habe vor 11 Jahren meine Mutter gehen lassen müssen. Alles war und ist so, wie Sie es beschreiben.

    1. Lieber Gerhard,

      vielen Dank für Ihre einfühlsamen Worte und dafür, dass Sie Ihre persönliche Erfahrung mit mir teilen.

      Die Idee zu diesem Text ist entstanden, weil gerade in meinem Freundinnenkreis viele Mütter gehen mussten und ich spüre, wie sehr diese Abschiede die Frauen bewegen. Deshalb ist der Text zunächst ganz bewusst von Frau zu Frau entstanden.

      Umso mehr berührt es mich, dass Sie sich als Mann darin wiederfinden und sagen, dass vieles auch Ihre Erfahrung mit dem Verlust Ihrer Mutter vor 11 Jahren beschreibt.

      Vielleicht zeigt sich darin, dass Trauer, Abschied und Verbundenheit uns alle berühren, bewegen, im Herzen ändern, unabhängig davon, ob wir Frau oder Mann sind.

      Danke, dass Sie Ihre Gedanken hier gelassen haben. 🤍

      Herzlichst
      Gisela

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